Wahnfarben

 

 

Farben werden oft als physikalische Erscheinungen, die sich durch eine jeweils spezifische Wellenlänge des Lichtes definiert, dargestellt. Im Lexikon der Physik bei Spektrum.de ist aber nachzulesen, dass Farben hier als eine Sinnesempfindung definiert werden, “die mit physikalischen Größen verknüpft sind”. Der physikalische Aspekt bezieht sich nur auf die äußere Wahrnehmung, der dann die Verarbeitung in Auge und Gehirn folgt. Erst dann kann von Farben, wie wir sie erleben, gesprochen werden.

Durch diese innere Wahrnehmung und Verarbeitung erweitert sich der Begriff der Farbigkeit auch um eine Verbindung zu Tönen und Empfindungen, was als Synästhesie bezeichnet wird.

Bei Wikipedia wird Synästhesie als “die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung” definiert, zum Beispiel, wenn in der Musik ein bestimmter Ton/ Tonfolge als “warm” empfunden wird oder ein Möbelstück in einem “kalten Blau” gestrichen ist.

Dieser Prozess, der die Farbwahrnehmung abbildet, hat noch weitere Ausprägungen, in denen er unsere Beurteilung anderer Sinneswahrnehmungen beeinflusst. So frieren Menschen in einem mit 15 Grad beheiztem Raum eher, wenn dieser blau gestrichen ist, als wenn das Zimmer in einem “warmen” orange-rot gehalten ist (siehe Zeit.de).

In einer Studie, die die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation mit dem Weingut Fritz Allendorf, Oestrich-Winkel durchgeführt hat (hier finden Sie eine Zusammenfassung der Studie), wurde unter anderem untersucht, welchen Einfluss die Umgebungsfarbe (es wurden rot, blau, grün und weiß getestet) auf die Geschmackswahrnehmung eines Weintrinkers hat. Es wurde immer der gleiche Wein verkostet. Die Farbgebung des Versuchsraumes wurde über das Licht erzeugt.

Die Teilnehmer der Studie gaben an, dass ihnen der Wein besser schmeckt, der bei rotem und blauen Licht ausgeschenkt wurde, gegenüber dem Wein, bei dessen Verkostung die Umgebung grün und weiß war. Zudem gaben die Teilnehmer bei der roten Beleuchtung an, dass sie bei dem Kauf dieses Weines über einen Euro mehr für die Flasche zahlen würden, als für den Wein, der im grünen Licht probiert wurde.

Die Studie gibt einen Eindruck, in welchem Ausmaß Farben auf unsere Wahrnehmung Einfluss nehmen und damit, in der weiteren Konsequenz, auf unsere Handlungen und Entscheidungen.

Ein anderes Beispiel, wie Farbe uns beeinflussen kann, zeigen die Arbeiten von Alexander Schauss am American Institute for Biosocial Research in Tacoma, Washington. Er entwickelte einen Pink-Farbton, bei dem er physische Auswirkungen auf seine Probanden nachweisen konnte. Schauss ließ seine Versuchspersonen auf eine Karte von ca. 46 x 61 cm (18 x 24 inch) schauen, die komplett mit dieser Farbe bedruckt war. Insbesondere nach körperlicher Anstrengung wurde hier ein nachweisbarer Einfluss auf eine Reduzierung der Herzfrequenz, des Pulsschlages sowie der Atmung gegenüber anderen Farben dokumentiert.

Schauss konnte die beiden Gefängnis-Direktoren des Naval correctional institute in Seattle, Washington dafür gewinnen, einige Zellen in dieser Farbe zu streiche. In den anschließenden Berichten wurde eine deutliche Reduktion des Potentials für ein gewaltbereites und aggressives Verhalten beschrieben. Nach den Nachnamen dieser beiden Gefängnis-Direktoren ist der spezifische Farbton heute als Baker-Miller-Pink bekannt (siehe auch Wikipedia.org).

Die Einflüsse die Farben auf uns haben können, sind aber auch individuell geprägt, etwa durch besondere emotionale Erfahrungen in der Kindheit, die sich mit unserem Unterbewusstsein verknüpft haben. So wird zum Beispiel die Tapetenfarbe im Wohnzimmer der Großmutter, bei der man sich wohl und geborgen gefühlt hat, eher mit einer positiven Empfindung belegt sein, auch wenn dies, nach der allgemeinen Farbforschung tendenziell eine als negativ empfundene Farbe ist.

Welche Farben sprechen Sie positiv an? Haben Sie darüber schon einmal genauer nachgedacht? Welche Farbe oder Kombination von Farben schafft bei Ihnen Wohlbefinden, Aufregung, vielleicht Unruhe oder Unwohlsein?

Jeder hat seine eigene Wahrnehmung der Dinge, da jeder – zum Glück – seinen eigenen Kopf hat.