Photography meets Quantum – Erläuterungen und Konzept

Das Geheimnisvolle und Wunderbare

„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit.“ (A.Einstein)

In seinem Zitat schlug Einstein bereits damals schon eine Brücke zwischen den Bereichen Wissenschaft, Philosophie und Kunst, die sich mit dem Unbegreifbaren und Transzendenten beschäftigen, als Quelle von Inspiration und Kreativität.

Kurzer Blick auf die Zeit bis zur Entdeckung der Quantenwelt

Der wissenschaftliche Zugang zum Verständnis der Rätsel der Welt, beginnend mit der Renaissance und Aufklärung, brachte den Menschen enorme Fortschritte, alles schien messbar und verstehbar geworden. Dieser Zugang führte aber auch zum Verlust des Gefühls von etwas Wunderbarem in der Welt und von einem „Verständnis einer Welt hinter der sichtbaren Welt“. Auch Goethes Faust fragte nach dem tiefsten Geheimnis, was die Welt im Innersten zusammenhält. Es waren für kurze Zeit die Romantiker, die den Phänomenen der Realität ihren Zauber zurückgaben, aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis heraus nach diesem Wunderbaren. Die vom Menschen konstruierten Grenzen in Philosophie, Naturwissenschaften etc. sollten wieder überwunden werden und eine Einheit von Mensch und Natur, von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Nahem und Fernen, von Rationalem und Emotionalem wieder hergestellt werden. Und alle Erscheinungen unseres Denkens und Seelenlebens sollten wieder vereint werden in einem überindividuellen größeren Ganzen.  Doch mit dem weiteren Fortschreiten in Wissenschaft und Technik führten die Errungenschaften im modernen Zeitalter der Industrialisierung zu einer umfassenden wissenschaftlichen Durchdringung des Alltags der Menschen und zu einem Wandel im Denken und von Werten, geprägt durch lineare Rationalität – verkürzt zusammen gefasst in Nietzsches Ausruf: „Gott ist tot“, in dem er den Verlust einer universellen metaphysischen, religiösen Wahrheit beklagte.

Und dann erfüllte ein Paukenschlag mit seinen Wellen und Teilchen um 1925 die wissenschaftlichen Sphären, ausgeführt von einer Gruppe von Physikern um Niels Bohr, M. Born, Heisenberg, Einstein, Planck, Pauli usw. Die Vereinten Nationen haben zur Würdigung jener revolutionären Entdeckungen vor hundert Jahren das Jahr 2025 zum Internationalen Jahr der Quantenwissenschaften und Quantentechnologien ausgerufen.

Der Umbruch – die Quantenmechanik

Die Entdeckung der Quantenmechanik brachte sozusagen eine Art moderne Metaphysik ins Labor, Seite an Seite neben der makroskopischen Welt mit ihren bekannten Gesetzen. In der Nano-Welt der Quanten aber, der allerkleinsten Teilchen, existieren geheimnisvolle, unerklärliche, irritierende Phänomene, die das menschliche rationale Vorstellungsvermögen herausfordern, weil wir Menschen die dortigen Phänomene nicht mit unseren Alltags-Erfahrungen zusammenzubringen vermögen. Einige jener unfassbaren Phänomene heißen Superposition, Wahrscheinlichkeitswolken, Potentialität, Verschränkung. Letztere hatte Einstein so sehr irritiert, dass er sie ungläubig eine „spukhafte Fernwirkung“ nannte. Andere Physiker fassten den „Spuk“ zu der Aussage zusammen, dass wir in der Quantenphysik nicht WARUM fragen können, sondern wir können nur beobachten, messen und feststellen, dass „etwas so ist“, also das WAS.  Beispielhaft sind hier folgende Begriffe:

Verschränkung     

Von einer Verschränkung wird gesprochen, wenn zwei Teilchen in einer Weise verbunden sind, dass sie nicht mehr unabhängig voneinander beschrieben werden können, auch wenn sie sich an unterschiedlichen Orten befinden.

Superposition   

Superposition besagt, dass ein Teilchen zwei oder mehrere sich widersprechende Eigenschaften zugleich einnehmen kann, also z.B. sowohl rechts als auch linksdrehend zeitgleich sein kann, das ist kein eindeutiger Zustand von JA oder NEIN, sondern es kann „JEIN“ sein.

Wahrscheinlichkeitswolken und Materie

Im Alltag ist ein festes Ding etwas Greifbares und hat eine umschriebene Form. In der Quantenphysik löst sich im Urgrund die feste Materie auf und die Elektronen existieren in Aufenthaltswahrscheinlichkeiten, Wellenbewegungen und dazwischen ist leerer Raum.

 

Neue Wirklichkeitsvorstellungen und Konzeptuelle Brücke zwischen scheinbar unvereinbaren Welten

Metaphern – Gleichnisse – Analogien

Moderne Physiker, Künstler, Philosophen, Psychoanalytiker, Theologen, Mystiker et al. benutzen eine Bildsprache, um über die Welt abstrakter Zahlen, über das Nichtsagbare, Transzendente und über Intuition und Ahnungen in Metaphern, Analogien, Vergleichen zu sprechen und sich verständigen zu können.

Physikalische Konzepte wie Unschärferelation, Verschränkung, Superposition sind nichts anderes als Beschreibungen. Daher sind sie sehr geeignet für Metaphern und Bilder bei emotionalen Themen des zwischenmenschlichen Erfahrungsbereiches wie Liebe, Enttäuschung, Trauer etc. und auch im Psychoanalytischen setting. Sie eröffnen neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Bewusstsein.

Folgerungen aus den Forschungsergebnissen

Die Quantentheorie hat ein neues wissenschaftliches und philosophisches Verständnis von den letzten Dingen der Welt hervorgebracht: Alles, aber auch alles, einschließlich uns Menschen selber, besteht aus diesen kleinsten Teilchen, die nicht in festen determinierten Bahnen, sondern in Wahrscheinlichkeits- wolken umherfliegen. Bildlich gesprochen lösen wir uns in unseren tiefsten Tiefen in Wellen-Teilchen-Wolken auf ohne fixierte Positionen. Was für eine Vorstellung! Was die Materie/Natur/Welt im Innersten zusammenhält, das sind umherflirrende nicht-lokale, permanent ihre Position verändernde Quantenteilchen und Schwingungen, also keine feste Materie. Im übertragenen Sinn heißt das, es gibt keine festen Gewissheiten!  Das alte Wissen und alte Überzeugungen lösen sich auf. Materie und unser geglaubtes Wissen darüber sind nicht das Fundament unserer Wirklichkeit. Im Urgrund der Dinge schwebt eine gelockerte Verbundenheit und Offenheit.

Relationalität – Wechselwirkung – Potentionalität

Eine der weitreichendsten Folgerungen ist die relationale Interpretation in der Quantenmechanik für eine erweiterte Vorstellung von Wirklichkeit.

Unsere Welt ist ein dichtes Netz von Wechselwirkungen und Beziehungen, die sich in einem permanenten Prozess von einer Veränderung zur nächsten Veränderung fortschreitend weiterentwickeln. Bedeutung und Identität entstehen erst durch Relationalität und Potentionalität – ein Gedanke, der in seiner Konzeptualität auch in der modernen Philosophie und vor allem der Kunst hochspannend ist. Er eröffnet Möglichkeitsräume und Perspektiven für daraus sich entwickelnde neue Ideen, sowohl in Wissenschaft als auch in Kunst und in unserem Lebensalltag.

Keine objektive Wirklichkeit

In der Quantenphysik existieren die Eigenschaften eines Objektes nicht unabhängig, sondern sie entstehen erst in der Interaktion zwischen dem Objekt mit seinem Beobachter. Wird aber ein Teilchen gemessen oder beobachtet, dann nimmt es sofort eine eindeutig definierte Position ein. Diese Eigenschaft des Objektes ist relativ und real in Bezug auf Beobachter A, nicht aber notwendigerweise in Bezug auf Beobachter B. Folglich existiert nicht die eine absolute objektive Wirklichkeit des Objektes, sondern es gibt viele Wirklichkeiten durch Beziehungen und Interpretationen.

Die Kunst eilte der Quantentheorie lange schon voraus

In Kunst und zwischenmenschlichen Beziehungen sind wir lange schon vertraut mit diesen Konzepten, die sich nun auch einer wissenschaftlichen Würdigung erfreuen und sich in einem Brückenschlag miteinander versöhnt haben.

Wir erleben diese Erfahrungen vis-à-vis eines Kunstobjektes in der Interaktion zwischen Werk, Kunstschaffenden und Betrachtenden. Die oben beschriebene Geistes-Gemütsverfassung „Nicht WARUM—sondern WAS“ ist ein Dreh- und Angelpunkt auch in Psychotherapeutischen Prozessen, bekannt als Übertragungsgeschehen (S. Freud), in dem die Beziehung und Wechselwirkungen zweier Personen als therapeutisches Agens genommen wird. Das funktioniert, weil wir psychisch in ständigen Gleichzeitigkeiten von Vergangenheit, Gegenwart und antizipierender Zukunft leben und deren unauflöslichen „Verschränkungen, Superpositionen, Quantensprüngen, Unschärfen, Wahrscheinlichkeitswolken“.

Schöpferische Menschen lebten schon immer mit Fragen nach der Wirklichkeit in vielfältigen Möglichkeitswelten, die nur noch nicht in Begriffen der Quantentheorie benannt werden konnten: Gegensätze werden miteinander vereint, auseinandergebracht und/oder beides zugleich – auf Kosten von Sicherheit und Gewissheit, aber um den Zugewinn von neuen Ideen und Offenheit der Welt gegenüber. Das ist unser Potential für unsere Lebendigkeit, Flexibilität und Kreativität. Zusammengefasst ist die Wirklichkeit kein festes, objektives Gebilde, sondern ein relationales Netz von Wechselwirkungen und dynamischen Potentionalitäten, die sich in prozesshafter ständiger Veränderung und Vorwärtsbewegung befinden.

Diese Sichtweise verbindet die Erkenntnisse der Quantenphysik mit künstlerischen und philosophischen Ansätzen und betont Offenheit Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit und das Wunderbare als zentrale Merkmale unserer Welt.

Meine Technik in „Photography meets Quantum“

In meinen Arbeiten möchte ich etwas von den widersprüchlichen und unbestimmten Gleichzeitigkeiten in diesen Möglichkeitswelten zeigen. Ich verwende dazu als Technik das Composing, das kreative Zusammenfügen unterschiedlicher Bildobjekte – in Analogie zu Superposition, Verschränkung, Relationalität in der Quantenwelt mit ihren Relationalen Netzwerken. Die Überlagerungen lassen in ihren verschränkten Verbindungen ein völlig neues Bild entstehen mit einem neuen Zugang, neuem Erleben und Einsichten. Das neue Bild ist ein „Quantenuniversum“, zusammengesetzt aus mehreren Ursprungsbildern. Diese tragen noch die Informationen ihrer vergangenen Leben in sich und zeitgleich auch die Informationen ihres gegenwärtigen Lebens nach den Zusammenfügungen. Alle Bilder zusammen überlagern sich zu dem einen neuen Bild als einem Ganzen, einem Anderen und Unerwarteten. Die in ihnen enthaltenen Informationen können nicht gelöscht werden und verbinden uns mit der Vergangenheit und Gegenwart des Werkes, mit der Künstlerin und mit den Betrachtern vor dem Bild – und mit Allem stehen wir wiederum in einer Wechselwirkung als Teil eines ganzheitlichen Erlebens. Diese Erfahrung trägt wiederum die nächsten Potentialitäten in sich für weitere Erfahrungen in einem sich ständig weiterentwickelnden und sich erweiternden Prozess.

Die Paradoxie der Unschärfe durch Überlagerungen mit Figuren und Beziehungen liegt darin, dass wir verunsichert und auch verwirrt werden. Zugleich werden dadurch aber Blick und Phantasie frei für viele Wege des Erlebens und Erforschens. Diese Technik wurde bereits in der Antike und über die Jahrhunderte hinweg angewendet. In hybriden, zusammengesetzten Figuren und Bilder (z.B. Sphinx, Wolpertinger) üben sie eine Irritation aber vor allem Faszination aus in ihrer symbolisch übermittelten Botschaft: Alles ist mit Allem verbunden.

Literatur: Hans-Peter Dürr: „Wir erleben mehr als wir begreifen“ 2015; A.Einstein: „What I Believe“ 1930; Carlo Rovelli: „Helgoland“ 2021